Belletristik

Die Auferstehung der "Hoffnung"

Dieter Franke

Die Auferstehung der "Hoffnung"

Leseprobe:

Der Freundschaftsbund

Mit weit aufgerissenen Augen musste Kai zusehen, wie zwei seiner Mitschüler von der Eisenbahnbrücke in die Tiefe stürzten. Als sie das schrille Warnsignal des nahenden Zuges gehört hatten, waren sie in Panik geraten und von den vereisten Eisenbahnschwellen der Gleise abgerutscht.
Die Brücke bestand aus einer einfachen Eisenkonstruktion, deren eingleisige Überführung von zwei stählernen Bögen getragen wurde. Die Eisenbahnschwellen lagen jeweils auf einer Querverbindung, die mit den zwei Längsträgern der Brücke verbunden waren. Dazwischen war gähnende Leere, durch die man unten die Eisschollen den Fluss hinuntertreiben sah.
Die Breite der Überführung entsprach der Länge der Eisenbahnschwellen, sodass gerade ein Zug Platz hatte, um hinüberzufahren. In der Mitte war an einer Seite der Schienen eine kleine halbrunde Plattform angebracht worden, die über das Ende der Schwellen nach außen hinausragte. Dieser Vorbau war von einem Geländer umgeben und wirkte wie ein kleiner offener Erker zwischen Himmel und Erde. Diese kleine Zuflucht war für Bahnarbeiter gedacht, falls die mal beim Überqueren der Brücke von der Vorortsbahn überrascht würden.
Auf dieser kleinen rettenden Insel hatte Kai Zuflucht gefunden. Er klammerte sich am Geländer fest, als der Zug mit dröhnendem Getöse nur Zentimeter von ihm entfernt an ihm vorbeifuhr und die ganze eiserne Konstruktion ins Schwanken brachte. Als der Zug die Brücke am anderen Ufer erreicht hatte, der ohrenbetäubende Lärm und die Schwingungen sich gelegt hatten, schrie Kai durch die Eisenbahnschwellen zum Wasser hinunter: „Richard, Bernd, um Gottes willen, wo seid ihr?“
Mit vor Kälte zitternden Stimmen riefen die beiden zurück: „Hier, Hilfe! Hier unten, Kai. Hilf uns bitte!“
Bei Hochwasser hatte die Bille nur eine schwache Strömung. Kai sah die beiden unweit der Brücke im Wasser treiben. Sie klammerten sich verzweifelt an die Eisscholle, die bei ihrem Aufprall in der Mitte auseinandergebrochen war. An der Bruchstelle der Eisscholle waren sie dann ins Wasser gerutscht. Ihre Versuche, sich an der Scholle hochzuziehen, scheiterten. Sie war zu dünn und zu leicht und gab nach, wenn sie versuchten, sich an ihr hochzustemmen.
„Haltet durch!“, schrie Kai, „ich hole euch raus.“

Der Flussabschnitt der Bille mit der Eisenbahnbrücke lag in einer vereinsamten Gegend. Der Zweite Weltkrieg war drei Jahre her und diese von allen guten Geistern verlassene Zeit hatte auch an den Ufern der Bille zerbombtes und verödetes Territorium hinterlassen. Das verwahrloste Gebiet war übersät mit Trümmern, rostenden Stahlgerüsten und bizarrem Eisenschrott.
Im Sommer bedeckte Unkraut die zerbombten Flächen. Meterhohe Disteln und Brennnesseln überwucherten Bombensplitter und verrostetes Schiffszubehör. Jetzt im Winter lag meistens meterhoher Schnee, in den Kai eine tiefe Schneise getreten hatte. Das war die ideale Tarnung, um von der Straße her nicht gesehen zu werden, bis er die Senke der Bille erreicht hatte.
Dieses trostlose Terrain reichte bis zur Hauptstraße, die bis in Hamburgs Innenstadt führte. Der Zaun entlang der Hauptstraße, der Unbefugten den Zutritt zu dem gefährlichen Areal versperren sollte, war für Straßenjungs natürlich keine Hürde.
Nördlich der Hauptstraße waren die Volksschule und einige Dutzend Wohnblocks vom Bombenhagel verschont geblieben.
Kurz nach dem Krieg, als Kai zehn Jahre alt war, hatte er die abenteuerliche Gegend von der Hauptstraße zur Bille rüber entdeckt. Am Ufer lagen einige halb untergegangene Schuten, kleine Binnenschiffe und Elbkähne. Je nachdem ob gerade Ebbe oder Flut herrschte, ragten sie mal mehr oder weniger aus dem Wasser. Diese Wracks übten auf Kai eine magische Anziehungskraft aus. Gleich nach ihrer Entdeckung hatte er sie alle von vorn bis hinten durchsucht. Bei einigen kam man nur von der Wasserseite ran und hinein. Andere waren nur von der Uferseite her zu erreichen, indem man über die Ankerketten oder Stahltrossen kletterte, mit denen sie an den verrosteten Pollern befestigt waren.
Kai hatte sich für seinen Geschmack das beste Schiff ausgesucht. Ein kleines versenktes Binnenschiff, bei dem das Steuerhäuschen auch bei Flut nicht unter Wasser stand. Er hatte es besetzt. Gekapert sozusagen. Am Toppmast hatte er seine Fahne gehisst. Auch wenn es nur eins von seinen Taschentüchern war.
Unter Deck, gleich neben einer der Ladeluken, hatte er ein leicht verwittertes, aber fast unversehrtes kleines Ruderboot mit Rudern gefunden. Es hatte im Sommer nur ein paar Wochen gedauert, um es vollends wieder auf Vordermann zu bringen. Es war Kais heimlicher Stolz.
Das Binnenschiff war an Backbord aufgerissen. Es fehlte ein Teil der Schiffswand. Kai machte sich das zunutze, indem er durch die Lücke ins Innere des Schiffsrumpfes ruderte, um dort sein Boot zu verbergen. Das klaffende Loch in der Backbordwand bezeichnete er als „Eingang in den Heimathafen“. Wenn er sich flach auf den Rücken in sein Boot legte, konnte er es sogar bei Flut in den Schiffsrumpf hinein- oder hinausbugsieren. Im Rumpf zog er sich dann mit den Händen auf der Unterseite des Schiffdecks zur anderen Seite des Schiffes. Unterhalb des Steuerhäuschens machte er das Boot an der Stiege fest. Die Stiege führte vom Steuerhäuschen hinunter in die unter Wasser stehenden ehemaligen Wohnräume im Rumpf des Schiffes.
Das Schiff hieß „Hoffnung“. Mit einiger Fantasie konnte man den Namen noch am verrosteten Bug entziffern. Leider hatte dem alten Besitzer dieser Name nicht viel genützt. Kai erfüllte der Name des Schiffes allerdings mit Hoffnung.
Seit jeher hatten ihn Seefahrtgeschichten, Schiffe und das Meer begeistert. Sein heimlicher Wunsch war, später einmal zur See zu fahren.
Das gesunkene Schiff wurde sein Spielplatz. Das Ruderhäuschen richtete er sich nach seinen Vorstellungen ein und erklärte es zu seiner Kommandobrücke. So manche Stunde verbrachte er dort hinter dem Steuerrad. Dann war er in Gedanken auf großer Fahrt über die Weltmeere unterwegs und probte seemännisches Verhalten in stürmischer See. In den vermeintlich heulenden Sturm brüllte er Befehle wie „Volle Kraft voraus!“, „Neuer Kurs Nordnordwest!“ oder „Mann über Bord, alle Maschinen Stopp!“. Im klirrend kalten Winter, wenn die Bille bizarre Eisschollen führte, erschallte einer seiner Lieblingsbefehle durch das Führerhäuschen, sodass die Sichtscheibe von seinem wallenden Atemdunst beschlug: „Eisberg voraus, hart Steuerbord!“
Dabei riss ihn seine Fantasie manchmal dermaßen weit weg, dass er beim Herumwirbeln des verwitterten, aufgeplatzten Steuerrades blutige Finger bekam und er ganz heiser vom Schreien wurde. Das Steuerrad konnte man noch drehen, es hatte aber keine Verbindung mehr zum Ruder, welches im Schlamm steckte.
Dummerweise lag das Schiff am anderen Ufer der Bille, sodass er den Fluss überqueren musste, wenn er an Bord wollte. Die ideale Lösung dafür bot die flussaufwärts gelegene Eisenbahnbrücke, die unweit des Schiffswracks über den Fluss führte. Auch wenn es natürlich verboten war, die ungesicherte Anlage zu betreten. Die meiste Zeit des Jahres war sie eisfrei und für einen Schuljungen leicht zu überwinden.
Im kalten Winter, bei frostigen Temperaturen, erforderte es dann schon erheblich größere Geschicklichkeit, die Überquerung zu meistern.
Wenn sich auf der Bille die Eisschollen aneinanderrieben, war es kein Problem, von Scholle zu Scholle springend den Fluss zu überqueren. Wenn der Frost aber nachließ, war man nicht gut beraten den kürzeren Weg über das dahintreibende Eis zu nehmen. Kai entschied sich dann lieber für die Brücke.
Für Leute, die keine Routine im Überqueren einer Eisenbahnüberführung hatten, wären die mit Eis gepanzerten Bahnschwellen und die Schienen allerdings genauso gefährlich gewesen, wie über tauende, dahinschwimmende Eisschollen zu springen. Kai hatte aber Routine im Überqueren der Eisenbahnbrücke. Bei Eis und Schnee konnte man sie am besten auf allen vieren überwinden, wenn man sichergehen wollte, die andere Seite zu erreichen.

Nun, da es darum ging, den beiden abgestürzten Mitschülern unten im Wasser zu helfen, wuchs Kai über sich hinaus. Nie zuvor hatte er die vereisten Eisenbahnschwellen der Brücke mit seiner bewährten Winterüberquerungstaktik so schnell überwunden wie jetzt. Mit geübter Technik erreichte er die Böschung des Bahndamms auf der Uferseite, wo das gesunkene Binnenschiff lag. So schnell er konnte, lief er darauf zu und erklomm die selbst gebastelte Leiter, um in das Führerhäuschen zu gelangen. Im Nu kletterte er auf der anderen Seite die Stiege hinunter in sein Boot, löste es von der Stiege und stieß ab, durch die klaffende Öffnung des Schiffes. Er musste sich flach hinlegen. Die Flut war so hoch, dass die Ruderhalterungen seines Bootes beim Herausfahren aus dem Schiffsinnern an der Unterseite des Schiffsdecks entlangschrammten.
Als Kai sein Boot durch die Eisschollen manövrierte und die Mitte des Flusses erreichte, trieben die beiden Hilferufenden schon direkt auf ihn zu. Seit ihrem Sturz ins Wasser waren erst wenige Minuten vergangen.
„Durchhalten, haltet aus!“, schrie Kai ihnen entgegen.
„Kai, Hilfe, Kai, Hilfe!“, riefen die beiden mit zitternden Stimmen.
Kai schob sich mit den Rudern durch das Schollengewirr. Als er heran war, bot sich ihm ein erbärmlicher Anblick. Mit angsterfüllten Blicken und blassen Gesichtern starrten Bernd und Richard ihn an. Sie hatten sich in die Eisscholle gekrallt. Obwohl alles Blut aus ihren Fingern gewichen zu sein schien, hatten sie blutige Fingernägel. Er sprach beruhigend auf die Unglücklichen ein: „Gleich seid ihr im Boot, Jungs. Nur Mut. Strengt euch an und fasst nach der Bootskante. Erst eine Hand, dann die andere.“
Kai wusste, dass Richard und Bernd nicht schwimmen konnten. Im kleinen Freibad am Ende der Siedlung hatte er sie im Sommer nie im tiefen Wasser gesehen. Sie mussten sich jetzt zusammennehmen und die Bootskante fest umklammern.
„Fasst richtig zu“, ermunterte er sie. Richard und Bernd gehorchten. Ihre Kräfte hatten sie noch nicht ganz verlassen. Mit klammen Fingern krallten sie sich am Boot fest.
Kai hatte eines der Ruder unter die mittlere Sitzbank hindurch bis unter den hinteren Sitz des Bootes geschoben. Das verbreiterte Ende der Stange war jetzt fest unter diesem Sitz verkeilt.
Kai wollte die beiden dazu bringen, mit einer letzten Anstrengung die verkeilte Ruderstange im Boot mit den Händen zu packen. So würden sie ein Stück aus dem Wasser kommen. Dann wollte er sie am Hosenbund greifen und so weit in das Boot ziehen, bis sie ein Bein über die Bordkante heben konnten.
Unter normalen Bedingungen war es für so einen jungen Burschen eine Kleinigkeit, ins Boot zu klettern. Kai, der schon schwimmen konnte, hatte das im Sommer Dutzende Male praktiziert, mit einem Schwung ins Boot zu kommen.
Man legte die Hände auf die Bordkante, dann stemmte man sich mit einem Satz in die Höhe und schwenkte das Bein oder das Knie ins Boot. Kein Problem. Unter den gegebenen Umständen war das natürlich nicht möglich.
Richards und Bernds Wintersachen hatten sich mit Wasser vollgesaugt und waren schwer wie Mehlsäcke. Auch bestand die Möglichkeit, dass sie sich etwas gebrochen hatten. Kai wusste, dass ihre Kräfte rasch abnehmen würden, wenn er sie nicht umgehend aus dem kalten Wasser ins Boot bekam.
Eilends begann er mit der Rettung und sprach ihnen aufmunternd zu. Als Erstes beugte er sich über Richard, um ihn mit beiden Händen an der Jacke an einem seiner Oberarme zu packen.
„Stemm dich hoch!“, forderte er Richard auf.
„Ja, ich versuche es“, antwortete Richard mit zitternder Stimme. Dann stemmte er sich auf der Bordwand ein wenig aus dem Wasser. Im gleichen Moment zerrte Kai, so sehr er konnte, an Richards Schulter, um ihm den Griff zur Ruderstange zu ermöglichen, die er unter der Sitzbank verkeilt hatte. Richard schaffte es und konnte nun aus eigener Kraft die andere Hand von der Bordkante zur Ruderstange hin bewegen und sie umklammern.
„Ja gut, ja gut!“, rief Kai. Richards Winterjacke war, weil Kai an der Schulter gezerrt hatte, weit nach oben gerutscht. Dadurch waren die Hosenträger und sein Hosenbund frei geworden. Kai beugte sich über die Bordkante und zog Richards Hose an den Hosenträgern so weit nach oben wie möglich. Im nächsten Moment bekam er den Hosenbund zu fassen. Bevor er Richard ins Boot ziehen konnte, musste auch er sich mit seiner anderen Hand an der Ruderstange festhalten.
„Jetzt zieh mit den Armen, Richard!“, schrie Kai. Richard zog sich, die Stange fest umklammert, mit den Armen ins Boot. Kai half nach. Mit aller Kraft zog er im selben Moment an Richards Hosenbund. Mit gemeinsamer Anstrengung und einem Ruck kam Richard über die Bordkante gerollt.
„Alles wird gut, alles wird gut“, sagte Kai ein wenig außer Atem. Dann machte er sich daran, auf die gleiche Art und Weise Bernd aus dem Wasser zu ziehen.
Die Unglücklichen schlotterten erbärmlich, als sie endlich im Boot waren.
„Das Schlimmste ist abgewandt“, dachte Kai, als er sich einen Weg durch die Schollen ans gegenüberliegende Ufer der „Hoffnung“ bahnte.
Er hatte ihnen das Leben gerettet. Richard und Bernd bedankten sich stammelnd und kleinlaut bei Kai, konnten ihm aber nicht in die Augen sehen. Sie hatten ein fürchterlich schlechtes Gewissen. Das, was ihnen passiert war, hatten sie eigentlich ihrem Retter zugedacht.
Kai manövrierte das kleine Boot zu der flachen Stelle zwischen der Uferböschung, die für seine eigenen Landgänge diente. Im Sommer hatte er dort zwei Pfähle in den Grund des seichten Wassers getrieben. Als sie den gefrorenen Platz am Ufer erreichten, forderte Kai Richard und Bernd auf, so schnell wie möglich nach Hause zu laufen.
„Rauft euch zusammen und bewegt euch, so schnell ihr könnt, an den heißen Herd“, empfahl er ihnen.
Mit wackelnden Knien setzten Richard und Bernd ihre Füße auf das vereiste Ufer und stammelten noch mal ein Dankeschön. Dann trabten sie durch die von Kai angelegte Schneeschneise zur Hauptstraße hoch. Sie hatten es nicht weit. Gleich eine Straße weiter in einer Nebenstraße stand der Wohnblock, in dem sie wohnten.
Bevor Richard und Bernd sich am Hauseingang trennten, vereinbarten sie noch schnell, nichts von den Geschehnissen an der Brücke zu erwähnen. Sie seien beim Spielen am Ufer der Bille abgerutscht und ins Wasser gefallen, wollten sie erzählen.
Die Mütter waren entsetzt über den Zustand ihrer Lümmel. Auf die Frage, wie das denn passiert sei, erzählten die beiden ihre abgeschwächte Version. Ungläubig schüttelten die Mütter ihre Köpfe, als sie die nackten Oberkörper und Beine mit Handtüchern abrieben und die sich langsam entfaltenden blauen Flecken und Schwellungen entdeckten.
Richards Mutter gab ihrem Jungen ein paar Wolldecken, in die er sich einwickelte, und schob ihn auf einem Küchenstuhl nahe an den eisernen Kochherd heran. So sollte er den Wärmeverlust wieder aufholen. Extra zwei Briketts wurden nachgelegt, wo die doch so knapp waren. Ein Becher mit heißem Brennnesseltee wurde ihm in die mit Fäustlingen bedeckten, halb erfrorenen Hände gedrückt, um sie von innen aufzuheizen.
Bernds Mutter ergriff ähnliche Maßnahmen, um den Wärmeverlust ihres unglücklichen Jungen wieder wettzumachen. Bernd hatte sich arg den Fuß verstaucht. Erst jetzt in der wärmeren Umgebung schwoll er mächtig an und Bernd konnte vor Schmerz nicht mehr auftreten.
Kai hatte inzwischen sein Ruderboot zurück in seinen Heimathafen manövriert und an der Stiege festgemacht. Seine Rettungsaktion war so spontan gewesen, dass er dabei keine Zeit gehabt hatte, um an etwas anderes zu denken.

Kai, Richard und Bernd sind im siebten Schuljahr und gehen gemeinsam in eine Klasse von knapp vierzig Schülern. Richard und Bernd sind die Stänkerer in der Klasse. Wo sie können, hetzen sie ihre Mitschüler gegeneinander auf, sogar klassenüber-greifend.
Sie erzählen zum Beispiel einem Mitschüler, dass ein anderer aus der Klasse böse über ihn geschimpft hätte. Sie stacheln so lange, bis die Aufgehetzten sich eine Schlägerei liefern. Das erfreut Richard und Bernd.
Aufhetzen und Intrigen stiften sind ihre Spezialitäten. Auch bedrohen und unterdrücken sie andere Mitschüler. Zuweilen zetteln sie selber Schlägereien an, wobei der Gegner das Nachsehen hat. Einer der beiden fängt an einen Mitschüler zu belästigen und zu schubsen. Wenn der sich dann wehrt, geht es zur Sache. Gewinnt der Provozierte die Oberhand, steigt der andere mit ein. Zu zweit bezwingen sie ihn dann. Zu stark erscheinenden Gegnern gehen sie aus dem Weg.
Bei den Mädchen kommen sie auch nicht an. Sie versuchen mit Grobheiten und Betatschen deren Aufmerksamkeit zu erhaschen, was natürlich ein negatives Echo hervorruft. Sie sind ein unbeliebtes Duo bei allen Mitschülern.
Auf Kai, den Klassenbesten und Klassensprecher, haben sie es ganz besonders abgesehen. Aber sie konnten ihn noch in keine Intrige oder Schlägerei verwickeln. Kai scheint ihnen zu klug zu sein. Er hat deren Boshaftigkeit durchschaut.
Kai selbst ist ein umgänglicher, netter Junge, der mit allen seinen anderen Mitschülern gut auskommt. Er genießt Ansehen, weil er der Klassenbeste ist und immer bereit, anderen zu helfen.
Kai ist ein wenig schüchtern. Er mag nicht gern im Mittelpunkt stehen. Wenn er vor allen Mitschülern für die Klasse sprechen muss, fühlt er sich unwohl. Er hat sich aber schon früh angewöhnt, sein Unbehagen durch Gestik zu überspielen. Schülerinnen aus anderen Klassen zwanglos auf dem Schulhof anzusprechen, liegt ihm nicht. Er fühlt sich befangen, wenn er es versucht. Vor Raufereien nimmt er sich in Acht. Das ist nicht seine Stärke. Durch seine Klugheit hat er es bisher vermeiden können, sich auf derartige Auseinandersetzungen einzulassen. Dessen ungeachtet ist Kai Liebling der Mädchen in der Klasse, was Richard und Bernd besonders ärgert und eifersüchtig macht. Sie sinnen darauf, Kai irgendwie gehörig eins auszuwischen. Kai weiß das und ist auf der Hut.

Richard und Bernd hatten ausgekundschaftet, dass Kai nachmittags, an einigen Tagen der Woche, die Brücke überquert. Daraufhin war der Plan geschmiedet worden, Kai von der Eisenbahnbrücke zu stürzen.
An dem Tag, als Richard und Bernd nun selber von der Brücke stürzten, war Kai spät dran. Er war in Eile, weil er das andere Ende der Brücke noch vor dem Nachmittagszug erreichen wollte, der in Kürze kommen musste. Meistens war er aber viel früher an der Brücke und hatte genügend Zeit, sie zu überqueren.
Richard und Bernd kannten Kais Gewohnheit und hatten also schon eine Weile auf der anderen Seite der Brücke auf ihn gelauert.
Als Kai über die Hälfte der Brücke hinter sich gebracht hatte, sprangen Richard und Bernd auf die Gleise, um ihm entgegenzulaufen. Kai erkannte sofort, was los war.
Er besaß keine Uhr, wusste aber, dass der Zug gleich kommen musste. Richard und Bernd waren arglos. Von Zügen auf dieser Brücke hatten sie noch nichts gehört. Ihnen war auch nicht bekannt, dass Kais Überquerungstechnik der Brücke den besseren Halt und mehr Sicherheit bot. Richard und Bernd gingen aufrecht und setzten Fuß für Fuß von einer glatten Schwelle zur anderen. Dabei mussten sie mit den Armen balancieren, weil ihre Füße keinen wirklich sicheren Halt fanden. Trotzdem dachten sie, wenn sie Kai erreichten, kurzen Prozess machen zu können.
„Zurück, zurück!“, schrie Kai ihnen entgegen. „Der Triebwagen kommt gleich. Seid ihr des Wahnsinns? Der fährt euch über den Haufen.“
Kai wusste in dem Augenblick, dass er den angebauten Rettungserker benutzen musste, und krabbelte ein paar Eisenbahnschwellen zurück, wo sich die kleine Plattform befand.
„Du Angsthase“, brüllte Richard ihm zu, „willst dir ja nur Zeit verschaffen, um abzuhauen!“
Da durchschnitt das schrille und durchdringende Pfeifen des nahenden Zuges die kalte Luft. Sehen konnte man ihn noch nicht.
Richard und Bernd erstarrten in ihren Bewegungen und rissen die Augen weit auf. Panik breitete sich auf ihren Gesichtszügen aus.
Richard, der vorangegangen war, drehte sich um und schrie Bernd an: „Schnell zurück, Bernie, mach schon, schnell!“
Richard setzte einen Schritt zurück auf die vereiste Schwelle, auf der Bernd noch stand, und rempelte ihn an. Bernd hatte sich noch gar nicht umgedreht, um zurückzugehen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
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ISBN: 978-3-99048-250-6
Erscheinungsdatum: 02.12.2015
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