Belletristik

Agim und Josef

Herbert Hierzer

Agim und Josef

Spiegel der Vergeltung

Leseprobe:

Vorwort

Es geschieht unerwartet und niemand ist davor gefeit, all sein Hab und Gut zu verlieren, seine Lieben und, zu guter Letzt, seine Heimat. So erging es Agim und Josef. Diese Geschichte erzählt von zwei gleichaltrigen Jungs, die von politischen Fehlentscheidungen aus der Bahn geworfen werden. Von übereifrigen und kampfsüchtigen Staatsmännern, die ihnen ihre Lieben entrissen und sie zu Terroristen abstempelten. Viel Liebe bekam Agim von seiner Familie, nur das militärische Umfeld war sein Feind. Eines Tages wurde das Haus von Agims Familie von Raketen getroffen. Das Haus war zerstört, Geschwister und Vater wurden dabei getötet. Agim musste mitansehen, wie seine Mutter von einem Soldaten hingerichtet wurde, kurz darauf wurde eine Meute von Soldaten auf ihn gehetzt. Er konnte fliehen, wurde von Verwandten verkauft und von Terroristen aufgefangen. Als Terrorist gesucht, wurde er gefangen und vom israelischen Geheimdienst zur Folter ins Gefängnis geworfen. Josef wurde von seinem Vater nach altem deutschem Vorbild erzogen, wo es hieß: „Wer sein Kind liebt, schlägt es.“ So musste Josefs Vater ihn sehr geliebt haben, denn er verprügelte ihn fast täglich. Mit 15 Jahren konnte er dem Tyrannen entkommen und kam zum nächsten. In seiner Lehre lehrte man ihn, dass man nur mit Suff und eiserner Faust überlebt. Josef wurde selbst zum Tyrannen, der anderen mit Schlägen Zucht beibrachte. Doch dann kam der Tag, an dem er Rachel kennenlernte, und von nun an wollte Josef sein Leben ändern.Gerade in der Zeit der größten Liebe und seiner Veränderung schlug das Schicksal zu. Mit Glücksgefühl und Freude trat er die Reise zu seiner großen Liebe an und kam mitten in einen politischen Konflikt. Josef wurde sein Liebstes genommen und seine Gewaltbereitschaft holte ihn ein. Nach dieser Aktion wurde er zum Terroristen abgestempelt und vom israelischen Geheimdienst gefangen genommen. Agim und Josef wurden zur selben Zeit gefasst und in das Folterkabinett des Geheimdienstes verbannt, in dem Agil Regie führte. Nach heftiger Folter lernten sich die beiden in einer Zelle kennen. Sie wurden vom Geheimdienst an die Amerikaner verkauft, wo sie für medizinische Zwecke benutzt wurden. Nach einem endlosen Höllentrip konnten sie fliehen. Im selben Moment sahen sie in den Spiegel der Gewalt von Agil, dessen Vorgehen ihr Leben veränderte.








Juni 1959

Im Dauerregen und nebelverhangen präsentierte sich der Kogel, wo ein Trauerzug versuchte, sich bergab voranzukämpfen.Regen, Gebete und das Gestampfe der Stiefel im matschigen Boden vereinten sich zu einem seltsamen Gejammer. Über den ausgeschwemmten Weg schossen Wassermassen wie in einem Bach bergab und rissen immer wieder neues Geröll mit sich.Kreuz- und Sargträger führten den Trauerzug an und suchten Schritt um Schritt zwischen Schlamm und Wassermassen Halt, um nicht abzurutschen.Bis zum Presshaus, das etwa 100 Meter vom Haupthaus entfernt und talwärts wahrlich am Hang klebte, hatte es der Zug bereits geschafft. Doch von hier an wurde es noch steiler und erste Sargträger bekamen Probleme, festen Boden zu finden. Es dauerte nicht lange, bis der erste von ihnen im schlammigen Boden keinen Halt mehr fand und ausrutschte.Sein Körper knickte ein und ging zu Boden. Der Sarg, mit einer stärkeren Frau darin, schwanken. Und zugleich verloren andere Sargträger ebenfalls ihren Halt. Ein Schrei übertönte das Gejammer und die Sargträger landeten im Schlamm. Der Sarg ging mit den Trägern zu Boden, glitt über sie hinweg, und als dieser auf Schlamm traf, begann er zu rutschen wie auf Eis. Wie ein Pfeil schoss er bergab, und nach einem Sprung über eine Mulde bohrte sich dieser in den Schlamm, wo seine Fahrt zu Ende ging. Josefs zukünftige Mutter kam ebenfalls ins schwanken, versuchte sich noch an ihrer Schwester, die neben ihr ging, festzuhalten, doch es war zu spät. Sie glitt zu Boden und landete hart auf ihrem Hintern. Erneut ein schriller Schrei, der die Trauergäste erschreckte. Großes Elend und Gejammer mischte sich unter die Trauergäste. Die Sargträger wurden verletzt und konnten ihren Weg nicht fortsetzen und so mussten Trauergäste versuchen den Sarg aus dem Schlamm zu befreien, um den Weg zum Friedhof fortzusetzen. Mit schwerem Werkzeug befreiten sie den Sarg, der dadurch an einigen Stellen beschädigt wurde, sodass bald ein süßlicher Leichenduft die Luft erfüllte.Mutter jammerte vor Schmerzen, und wütend sagte sie: „Ich geh keinen Schritt mehr weiter, ihr könnt mich mal.“ Die Schwestern von Josefs Mutter halfen ihr und zugleich war auch ihr Mann zur Stelle. Aber nicht, um ihr zu helfen, nein, er machte ihr Vorwürfe, dass sie umkehren wollte und sagte: „Das ist das Begräbnis meiner Mutter und du hast dabei zu sein!“ Mutter winkte ab, so als würde sie ihren Mann gar nicht sehen. Zwei Schwestern von Mutter und auch sie machten sich mit den verletzten Sargträgern auf den Rückweg. Sie mussten sich regelrecht zurückkämpfen zum Wohnhaus in dem schlammigen und rutschigen Boden. Langsam setzte sich der Trauerzug erneut in Bewegung, und bevor die Verletzten das Haus erreichten, war von diesem nichts mehr zu sehen. Mutter hatte ein ungutes Gefühl und sagte zu ihren Schwestern: „Mir kommt es vor, das Baby bewegt sich nicht mehr. Es ist alles so ruhig in mir, so kenne ich es nicht, es war immer so lebhaft und übermütig, oh mein Gott! Ich glaube, ich verliere mein Baby.“ Und Mutter weinte bitterlich.Man brachten Mutter zu Bett, wo sie einschlief.Als Mutter nach Stunden erwachte, entglitt ihr ein leiser Schrei und sie sagte leise zu sich: „Das Baby lebt.“Es hatte sich bewegt und auf einmal begann sich das Baby wild zu bewegen, so, als ob es sich komplett umdrehen wollte. Mutter erschrak, sie hatte doch schon fünf Kinder geboren, doch so etwas hatte sie noch nicht erlebt. Das erste starb nach fünf Monaten und deswegen hatte Mutter große Angst, dass sie nochmals so ein Schicksalsschlag ereilte. Langsam richtete sie ihren Körper auf und wollte nur so schnell wie möglich raus aus dem Bett. Sie sah dabei auf die Uhr und erschrak: „So spät schon! Ich muss doch in den Stall!“ Bei der Arbeit fühlte sich die Frau des Hauses wieder besser. Es dauerte aber doch einige Zeit länger, bis sie mit der Arbeit, an diesem Tag fertig war als sonst. Endlich war es soweit und sie verschloss die Türen und löschte die Lichtspendenden Kerzen hinter sich. Dann nahm sie noch die Milchkanne, die an diesen Tag ziemlich voll wurde, und machte sich auf den Weg ins Haus. Sie musste dabei einige Stufen überwinden, und als sie bei der letzten Stufe ankam, entglitt ihr die Milchkanne, wobei sie erschrak und einige Schimpfwörter von sich gab. Langsam sackte sie zu Boden. Die Fruchtblase war geplatzt und Josef war auf dem Weg ins Diesseits. Alles ging so schnell, dass es Mutter nicht bewusst mitbekam, und Josef war da.

***

3000 km Richtung Süd-Ost. Der Arabische Krieg war zu Ende und alle stritten um die Machtverhältnisse. Der Krieg und die Uneinigkeit brachten viel Elend und Hunger ins Land. Ein Land, das ausgedörrt und zerstört war. Die glühende Hitze peinigte die Menschen und Krankheiten verbreiteten sich wie Lauffeuer. Eine hochschwangere Frau war mit ihren drei kleinen Kindern unterwegs zum Dorfbrunnen, wie jeden Tag um Wasser zu holen. Die Kinder weinten und verkrochen sich am Rocksaum der Frau fest. Sie hatten Angst, ins Freie und auf die Straße zu gehen. Zu sehr hatte der vergangene Krieg tiefe Wunden in sie gemeißelt. Zwei Kanister schleifte sie mit sich, die sie mit Wasser füllen wollte. Das Wasserschöpfen fiel ihr schwer und auch die Sonne gab an diesem Tag ihr Bestes.Geschafft saß sie nach dem Füllen der Kanister noch einige Zeit neben dem Brunnen, ehe sie sich auf den Nachhauseweg machte. Sie hatte nicht die Kraft, die Kanister zu heben, so schleifte sie diese mit sich. Nach einigen Metern entkam ihr ein leiser Schrei und Agim wurde geboren.








Man schrieb das Jahr 1974

Ein kleiner Ort Nähe Hebron. Eine Region, die nicht zur Ruhe kommen wollte. Viele Gebiete hier waren von den Israelis besetzt. Hebron wurde geteilt und besetzt.Nach dem Sechstagekrieg wurde Israel noch stärker und arroganter. Dies zeigten es dem moslemischen Volk regelmäßig.Armut überwog und der palästinensische Widerstand, der gezielt heraufbeschworen wurde, fand in diesen kleinen Dörfern fruchtbaren Boden. Es war kurz vor Mittag, Kinder spielten auf der staubigen Straße Richtung Dorfbrunnen. Sie spielten Krieg wie jeden Tag. Kriegsspiele in Verbindung mit Fußball waren alles, was sie hatten. Tag für Tag spielten sie dieses Spiel, und Tag für Tag waren sie auch den kriegerischen Aktionen der Soldaten ausgesetzt. Diesen Ort zu verlassen war für Kinder riskant. Soldaten kontrollierten immer wieder die Gegend und Kinder verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Arbeit gab es nur wenig, denn die Israelis blockierten alle Vorhaben auf ein besseres oder sinnvolleres Leben. Es hätte vieles gegeben, was dringend geändert werden sollte, wie Schulen, Kindergärten, Aufbau der Infrastrukturen, Verkehr - einfach alles, was in westlichen Metropolen Normalität war. Doch die Soldaten, die immer wieder auftauchten, wollten keine Veränderung in diesen Dörfern.Sie wollten einzig und allein Stillstand. Wichtig war ihnen nur, den Untergrund des palästinensischen Widerstandes auszuheben. Doch dieser formierte sich immer wieder aufs Neue, was auch zu verstehen war. Nicht alle Palästinenser nahmen ihr unerwünschtes Dasein so hin. Es gab viele, die Veränderung wollten und dafür kämpften. Sie wollten ein besseres Leben für ihre Kinder und keine Sklaven der Israelis sein. So waren Soldaten immer wieder in den Dörfern präsent und durchstöberten Häuser. Für sie war es eine willkommene Abwechslung zu ihrem langweiligen Dasein als Soldat. Alle hatten vor ihnen Angst, nur die Kinder zeigten ihren Hass öffentlich und bewarfen sie mit Steinen. Diese wiederum machten Treibjagd nach ihnen und viele der Bewohner hier hatten bereits Kinder verloren. Israelische Soldaten suchten in diesen Dörfern nach Menschen, denen sie terroristische Aktivitäten vorwarfen. Dabei gingen sie nicht zimperlich mit der Bevölkerung um.In den Augen der Israelis war jeder Palästinenser ein Terrorist und mit ihnen ihr Anführer Arafat. Am liebsten hätten sie Arafat erschossen. Jedoch hatte dieser ziemlich einflussreiche Freunde, wie etwa den österreichischen Kanzler Kreisky. Dieser war zu jener Zeit wohl einer der einflussreichsten Menschen auf diesem Planeten. Er war der einzige westliche Politiker, der im Osten willkommen war. Kreisky hatte seine Fäden über die Welt gespannt und ausgerechnet Arafat war einer seiner besten Freunde.Sie suchten stets nach Kämpfern Arafats, und dessen Gefolgsleute zogen sich gerne in kleine Dörfer zurück, trafen sich im Geheimen, planten Störaktionen, und all das unter ahnungslosen Mitmenschen. So befanden sich alle in einem schleichenden Krieg. Das Durchsuchen der Dörfer wurde für die Bewohner zur bitteren Pille, die sie für den Untergrund lutschen mussten. Es war nicht verwunderlich, dass es in den Spielen der Kinder um Krieg ging, denn sie wuchsen mit diesem auf.Einer dieser spielenden Jungs war Agim. Ihr Spielplatz war die Straße unweit von Agims Elternhaus. Agim war nun 15 Jahre und er hatte seinen Grundschulabschluss hinter sich. Er wollte weiterhin zur Schule gehen, nur wusste er noch nicht, wie und wohin. Da kam Agims Mutter aus ihrem Haus. Sie war mit einem bodenlangen, hellblauen Kleid bekleidet. Ihr Haar hatte sie unter einem hellen Kopftuch mit aufgedruckten kleinen blauen Blumen versteckt. Die Jungs hatten sie bereits in ihrem Blickfeld und einen Augenblick später rief sie: „Agim, komm jetzt endlich ins Haus! Es ist Zeit für das Mittagsgebet.“ Agim reagierte nicht und auch die anderen Jungs ignorierten Agims Mutter absichtlich. „Jetzt komm schon, Agim!“, wiederholte sie ärgerlich. „Warum spielt ihr eigentlich immer auf der Straße? Ihr wisst genau, dass jeden Moment Soldaten kommen können, die es auf euch abgesehen haben.“ Die anderen Jungs verspotteten Agim, indem sie die Anklagen seiner Mutter nachsummten .„Wer weiß, ob sie euch nicht verschleppen würden?“ In ihrem Gesichtsausdruck lag nun Besorgnis. Mit einer peitschenartigen Handbewegung ermahnte sie Agim erneut: „Nun komm schon und lass dich nicht immer zehnmal bitten! Ihr anderen geht auch nach Hause. Die Straße ist kein Spielplatz!“ Verärgert wandte sie sich von den Jungs ab, da sagte Agim: „Ja, Mutter, wir wissen es doch!“ „Deswegen spielen wir doch so gerne auf der Straße. Es ist aufregend, ein Abenteuer …“ Agims Mutter unterbrach ihren Sohn mit ruhiger Stimme: „Aber ihr wisst doch nicht, wann die Soldaten wieder zuschlagen, wir machen uns Sorgen um euch … Nun komm endlich ins Haus.“ „Ich weiß, Mutter.“ „Komm jetzt, Vater wartet schon auf dich.“ „Ja, Mutter, ich komme schon.“ Agims Mutter war sehr besorgt, denn vor einem Jahr verschwand ihr ältester Sohn. Er spielte, wie diese Jungs, auf der Straße, und auch Agim war dabei. Da kamen Soldaten, um wieder mal die Häuser zu durchsuchen. Die Jungs begannen natürlich mit ihrem Spiel. Ganz im Geheimen warteten sie auf diese Gelegenheit und warfen, wie immer, Steine nach ihnen. Agims älterer Bruder wurde geschnappt. Sie zerrten ihn an Händen und Füßen mit sich. Er verschwand auf Nimmerwiedersehen. Agims Eltern versuchten alles, um ihren Sohn zurückzubekommen. Doch dieser war seit diesem Tag verschwunden. Es gab keine Informationen über seinen Verbleib. Agim verabschiedete sich von seinen Freunden, die Faust zum Gruß erhoben, und jeder ging seinen Weg. Die Sonne brannte heiß und der Staub von der Straße, den die Jungs aufwirbelten, flog durch die Luft. Er drang bis in die Räumlichkeiten von Agims Haus vor. Agim stürmte ins Haus, ohne seine Geschwindigkeit, die er noch von seinem Spiel hatte, zu bremsen. Als er durch den Vorraum war, befreiten sich seine Füße, noch immer im Laufen, von den Schlüpfern, die er an seinen Füßen trug. Diese rutschten wie befohlen zur Wand, die sich neben der Tür zum Wohnzimmer befand. Und Agim bremste seinen zarten Körper, sich mit einer Hand am Türstock festhaltend, und ließ sich lässig in die zweite Räumlichkeit vorrutschen. Agim war Mutters Stolz, und wenn sie seinen Übermut und seine Lässigkeit miterleben durfte, schmunzelte sie in sich hinein. Wobei sie ihr Schmunzeln geschickt hinter einem Teil ihrer Kopfbedeckung versteckte.Es war angenehm kühl in den Räumen, aber im Freien wurde es zur Mittagszeit enorm heiß, denn die Sonne stand am höchsten und der Himmel war meistens wolkenlos. Durch eine weitere Tür gelangte Agim in das Arbeitszimmer seines Vaters. Sein Vater war eine angesehene Person in diesem Dorf. Einer der wenigen mit Schulbildung.Agims Vater versuchte den Menschen bei ihren bürokratischen Angelegenheiten zu helfen und war sehr bemüht. Er war zugleich auch Priester und spendete den Menschen Trost, wenn sie diesen brauchten. In diesem kleinen Ort gab es keine Moschee, doch aus einem anderen Dorf - dieses hatten eine Moschee - hörte man leise die Stimme des Mullahs, wenn er zum Gebet rief.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 262
ISBN: 978-3-99064-645-8
Erscheinungsdatum: 28.08.2019
EUR 16,90
EUR 10,99

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