{"id":3182,"date":"2017-06-30T21:04:53","date_gmt":"2017-06-30T19:04:53","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.novumverlag.com\/?p=3182"},"modified":"2023-09-14T23:00:32","modified_gmt":"2023-09-14T21:00:32","slug":"der-sonnenfaenger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.novumverlag.com\/blog\/2017\/06\/30\/der-sonnenfaenger\/","title":{"rendered":"Der Sonnenf\u00e4nger"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die wahre Bedeutung eines kostbaren Schatzes hat Wortwechsel Autorin Susanne Olbrich gemeinsam mit ihrem Hauptprotagonisten Kamea aus den Tiefen des Meeres gehoben.<\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1180\" height=\"1920\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/wortwechsel_sonnenfacc88nger.jpg?resize=1180%2C1920&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-3184\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/wortwechsel_sonnenfacc88nger.jpg?w=1180&amp;ssl=1 1180w, https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/wortwechsel_sonnenfacc88nger.jpg?resize=184%2C300&amp;ssl=1 184w, https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/wortwechsel_sonnenfacc88nger.jpg?resize=629%2C1024&amp;ssl=1 629w, https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/wortwechsel_sonnenfacc88nger.jpg?resize=768%2C1250&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/wortwechsel_sonnenfacc88nger.jpg?resize=944%2C1536&amp;ssl=1 944w\" sizes=\"auto, (max-width: 1180px) 100vw, 1180px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit einem lauten Knall riss die rechte Oberwante aus der Verankerung seines Schiffes. Zur\u00fcck blieb nur ein gro\u00dfes dunkles Loch in den sorgf\u00e4ltig gepflegten Planken des Decks. Eine Welle nach der anderen sp\u00fclte salziges Seewasser in die Plicht und umsp\u00fclte seine blauen Gummistiefel. Seit drei Tagen w\u00fctete nun schon der Sturm und so langsam kamen Schiff und Skipper an ihre Grenzen. Sein schlafberaubter K\u00f6rper konnte sich gerade noch am Steuerrad festhalten, als die n\u00e4chste Welle das Boot wie einen Spielball von der einen auf die andere Seite warf und der Gro\u00dfbaum ihm an die linke Schl\u00e4fe knallte. Sein Blick verschleierte sich und seine bereits benebelten Sinne gaben sich der wohlwollenden Schw\u00e4rze hin\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2026tok, tok, tok&#8230; Er blinzelte in die grellen Sonnenstrahlen der bereits gl\u00fchenden Mittagssonne. Sein Kopf f\u00fchlte sich an, als h\u00e4tte er mit einem Eisb\u00e4ren gerangelt. Mit der rechten Hand f\u00fchlte er oberhalb seiner Augenbraue einen tiefen Schnitt. Blut verklebte fast seine komplette linke Gesichtsh\u00e4lfte. Die braunen, etwas lockigen Haare waren blut- und schwei\u00dfverklebt. Er versuchte sich an die Ereignisse der letzten drei Tage zu erinnern. Seine spr\u00f6den und rissigen Lippen taten weh und seine Zunge war angeschwollen und trocken wie Sandpapier. Jeder Muskel in seinem K\u00f6rper schmerzte. Mit einem St\u00f6hnen gegen die Kopfschmerzen hob er langsam seinen Blick und lie\u00df ihn \u00fcber sein sturmgebeuteltes Schiff schweifen. Das <em>\u201eTok, Tok, Tok\u201c<\/em> kam vom Gro\u00dfbaum, der wie ein am Gelenk gebrochener Ast zum Mast immer wieder gegen die Seite des Schiffes schlug.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pexels-photo-218999.jpeg?w=1250&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-3185\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kamea hielt die kleine handgeschriebene Notiz in hawaiianischer Sprache in seiner Hand und \u00fcberlegte, was die \u00fcbersetzten Worte: <em>\u201e Deine Zukunft liegt in der Sonne, mein Sohn.\u201c,<\/em> bedeuten sollten. Vor ein paar Tagen hatte er ein P\u00e4ckchen mit einem gro\u00dfen bronzefarbenen, alten Schl\u00fcssel erhalten. Den Schl\u00fcssel kannte er nur allzu gut. Er war von dem alten Haus seines Gro\u00dfvaters, welches eingebettet auf der schroffen K\u00fcste Hawaiis auf der Insel Ni\u2019ihau des kleinen Dorfes Puuwai stand. Dort war er aufgewachsen, hatte Segeln, Surfen und Tauchen gelernt. Als Kind und Jugendlicher war er ganz vernarrt in das Meer gewesen und verbrachte mehr Zeit in der Natur als in der Schule. Als sein Gro\u00dfvater damals starb, wurde er von einer entfernten Tante nach Washington D.C geholt. Er wuchs inmitten dieser \u2026 seine Tagtr\u00e4ume wurden j\u00e4h durch den gro\u00dfen Aktenordner, den ihm seine Vorgesetzte auf den Tisch knallte, unterbrochen. Er schreckte auf und blickte in die kleinen, dunkel umrandeten Augen von Theresa. Trotz ihrer ungeputzten Brille, entlarvte sie ihn jedes Mal, wenn er mal wieder nicht bei der Sache war. <em>\u201eBis Montag!\u201c<\/em> polterte sie mit piepsiger Stimme, machte auf dem Absatz kehrt und wackelte auf ihren ausgelatschten Mokassins wieder in ihr B\u00fcro. Schmunzelnd stellte er sich vor, wie Theresa wohl im Taucheranzug aussehen w\u00fcrde. Kamea hatte seine Leidenschaft f\u00fcrs Segeln, Tauchen und Surfen nicht aufgegeben. Ganz im Gegenteil \u2013 und jetzt dieser Schl\u00fcssel von dem uralten Haus seines Gro\u00dfvaters\u2026.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pexels-photo-217316.jpeg?w=1250&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-3186\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Kamea an diesem sommerlichen Freitag sein B\u00fcro verlie\u00df, hatte er nur eines im Sinn: den Schl\u00fcssel. Nachdem Theresa mal wieder ihren Frust an ihm ausgelassen hatte, buchte Kamea spontan einen Flug nach Hawaii. Au\u00dferdem hatte er Theresa eine Mail geschrieben, dass er ein paar Tage in seine Heimat zur\u00fcckkehren m\u00fcsse, um den Tod eines engen Verwandten zu betrauern und um alles Organisatorische abzuwickeln. <em>\u201eGanz gelogen war dies ja auch nicht\u201c,<\/em> l\u00e4chelte er beim Versenden der Mail.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuhause packte er ein paar Sachen in seinen Rucksack und verstaute den bronzefarbenen Schl\u00fcssel seines Gro\u00dfvaters sorgf\u00e4ltig in dessen Innentasche. Sein Blick schweifte \u00fcber sein sonst sehr sp\u00e4rlich eingerichtetes Apartment. Die alten Holzdielen gaben dem ger\u00e4umigen Zimmer mit hohen Decken einen altert\u00fcmlichen Charme. Kamea hatte diesen Reiz mit alten M\u00f6beln von Tr\u00f6delm\u00e4rkten unterst\u00fctzt und trotz der spartanischen Einrichtung ein gem\u00fctliches Heim f\u00fcr sich geschaffen. Sein Blick fiel auf das Medaillon neben seinem Bett, welches ihm sein Gro\u00dfvater an seinem Sterbebett geschenkt hatte. Als Jugendlicher hatte er dieses ver\u00e4chtlich in den Koffer geworfen, ver\u00e4rgert und entt\u00e4uscht, dass er seinen geliebten Heimatort nun verlassen musste. \u201eAber jetzt\u2026 hatte das Medaillon einen Zweck? Stand es in Verbindung mit der pl\u00f6tzlichen und r\u00e4tselhaften Ankunft des Schl\u00fcssels?\u201c Das Medaillon war circa so gro\u00df wie seine Handfl\u00e4che und schwer. In der Mitte befand sich ein kleiner, kristall\u00e4hnlicher Stein mit asymmetrischen Fl\u00e4chen, die in der Sonne winzige, farbige Punkte auf dem Rest seiner Hand tanzen lie\u00dfen. Von dem Stein abstrahlend vertieften sich Kerben und Furchen in die Fl\u00e4che, die alle unterschiedlich tief waren. Die Kerben warfen Schatten, wenn das Medaillon im Sonnenlicht lag. Vielleicht daher auch der kleine Zettel mit dem Spruch: <em>\u201eDeine Zukunft liegt in der Sonne, mein Sohn.\u201c<\/em> Auf der R\u00fcckseite war eine Inschrift zu sehen, aber so schlecht lesbar, dass Kamea selbst mit einer Lupe nicht entziffern konnte, was dort geschrieben stand.<br>Auch das Medaillon verstaute er nun sorgf\u00e4ltig mit dem Schl\u00fcssel und machte sich auf den Weg zu seinem Heimatort.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pexels-photo-min.jpg?w=1250&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-3189\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach 13 Stunden Flug mit Zwischenstopp in Los Angeles erreichte Kamea den Flughafen Lihue auf der Insel Kauai. Von dort aus fuhr er mit dem Bus zum Port Allen Airport, welcher s\u00fcdlich auf Kauai gelegen war. Anschlie\u00dfend ging es dann mit dem gef\u00fchlt kleinsten Wasserflugzeug der Welt nach Ni\u2019ihau.<br>Kamea war \u00fcber sein leichtes Reisegep\u00e4ck froh, denn er musste noch circa drei Kilometer \u00fcber schroffen Felsen hinauf und hinab zum Haus seines Gro\u00dfvaters steigen. Trotz der langen Abwesenheit kannten seine F\u00fc\u00dfe diese Strecke schon auswendig. Ein Gef\u00fchl der Freiheit machte sich in seiner Brust breit und er konnte ein L\u00e4cheln des Gl\u00fccksgef\u00fchls nicht unterdr\u00fccken. Er h\u00e4tte schon viel fr\u00fcher seine alte Heimat besuchen sollen. Dass erst der Schl\u00fcssel seines Gro\u00dfvaters ihn dazu gebracht hatte nach 14 Jahren im Alter von 30 hierher zur\u00fcckzukommen, war fast schon traurig. Immerhin war es das Haus, in dem er aufgewachsen war und an welches er viele sch\u00f6ne Erinnerungen kn\u00fcpfte. Aber Kamea hatte damals alles hinter sich lassen wollen. Der Tod seines Gro\u00dfvaters und damit der Umzug in diese riesige und dreckig stinkende Stadt zu seiner spie\u00dfigen Tante kamen einfach zu pl\u00f6tzlich. Die Wiederkehr erf\u00fcllte ihn jedoch mit Freude und jeder weitere Schritt in Richtung des Hauses seines Gro\u00dfvaters lie\u00df sein Herz h\u00f6her schlagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em> \u201eKlick, klick, knirsch, tok\u2026 Mist, der Schl\u00fcssel passt nicht!\u201c<\/em> Kamea hatte den Weg zum Haus vom Meer hinauf trotz der mittlerweile \u00fcppigen Vegetation ohne Probleme gefunden. Das Haus seines Gro\u00dfvaters lag etwas oberhalb der K\u00fcste hinter einem Vorsprung. So war es vor der Witterung gesch\u00fctzt und noch gut erhalten. Das Holz hatte sich in den vielen Jahren verf\u00e4rbt und war von Moos und Efeu bewachsen, welches ihm aber einen urigen Eindruck vermittelte. Nun stand Kamea vor der T\u00fcr und verfluchte das alte Schloss. Es war genau der identische Schl\u00fcssel, den sein Gro\u00dfvater immer mit einem alten Lederband an seiner Jeans getragen hatte. <em>\u201eOder etwa nicht?\u201c <\/em>Er setzte seinen Rucksack vor der T\u00fcr ab und schlug sich durch die B\u00fcsche, die alles zu \u00fcberwuchern schienen, um das Haus herum. Auf der R\u00fcckseite war eine Fallt\u00fcr, die in den Keller f\u00fchrte. Das Schloss der Fallt\u00fcr war noch genauso, wie er es in Erinnerung hatte \u2013 nur rostig. Seine Bem\u00fchungen das Schloss zu \u00f6ffnen waren vergebens. Letztlich riss er die komplette Verankerung aus den bereits morschen Planken. Die Fallt\u00fcr war weitaus weniger stabil gebaut als die Eingangst\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1250\" height=\"833\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/lost-places-2252587_1920.jpg?resize=1250%2C833&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-3191\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/lost-places-2252587_1920.jpg?w=1920&amp;ssl=1 1920w, https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/lost-places-2252587_1920.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/lost-places-2252587_1920.jpg?resize=1024%2C683&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/lost-places-2252587_1920.jpg?resize=768%2C512&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/lost-places-2252587_1920.jpg?resize=1536%2C1024&amp;ssl=1 1536w, https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/lost-places-2252587_1920.jpg?resize=1250%2C834&amp;ssl=1 1250w, https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/lost-places-2252587_1920.jpg?resize=900%2C600&amp;ssl=1 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 1250px) 100vw, 1250px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein kalter, modriger Geruch schlug ihm entgegen. Er leuchtete mit der Taschenlampe die Treppe hinab in den Keller und ein mulmiges Gef\u00fchl \u00fcberkam ihn. Kamea hatte bereits als Kind diesen dunklen, gro\u00dfen Raum so gut es ging, gemieden. Vorsichtig tastete er sich mit seinen F\u00fc\u00dfen die Steinstufen hinab und leuchtete wild von rechts nach links durch den Raum. Als sich sein Puls schlie\u00dflich etwas beruhigte, ging er auch noch die letzten Treppen in Richtung Hausaufgang hinab. Die schwere Holzt\u00fcr lie\u00df sich zu seiner \u00dcberraschung noch recht einfach in ihren Eisenschienen beiseite schieben. Er w\u00fcrde sich den Keller sp\u00e4ter genauer ansehen, sagte er sich, und schob die T\u00fcr hinter sich wieder zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Geruch von Einsamkeit \u00fcberw\u00e4ltigte Ihn. Sein Blick streifte \u00fcber die beiden gro\u00dfen offenen R\u00e4ume des Hauses. Staub und Spinnenweben hatten alles mit einer dicken Schicht bedeckt. Das Wohnzimmer mit dem in roten Backsteinen eingefassten Kamin war noch genauso, wie er es als Jugendlicher in Erinnerung behalten hatte. Die beiden alten Ledersessel mit Blick auf die Feuerstelle hatten oft f\u00fcr heitere, aber auch f\u00fcr ernste Gespr\u00e4che herhalten m\u00fcssen. Nun waren sie mit Staub bedeckt und von Motten zerfressen. Die K\u00fcche aus wei\u00dfem Edelstahl hatte ihren Glanz eingeb\u00fc\u00dft, doch die kleine Essecke im hinteren Bereich schien noch nicht ganz verloren.<br>Die Stufen hinauf zu den beiden Schlafzimmern und dem Bad waren noch gut intakt. Sie knarrten und knacksten bei jedem seiner Schritte und Kamea hinterlie\u00df beim Hinaufsteigen eine staubige Spur von Fu\u00dfabdr\u00fccken. Auch hier bot sich ein Bild von Verlassenheit. Er starrte lange auf das Bett seines Gro\u00dfvaters \u2013 seine letzte Erinnerung an ihn \u2013 wie er dort im Sterben lag\u2026 Er riss seinen Blick los und wandte sich seinem eigenen Zimmer zu, aber bis auf Staub und Spinnenweben konnte er nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches entdecken. <em>\u201eWas hatte er erwartet? Eine geheime Botschaft? Eine Nachricht seines Gro\u00dfvaters als Banner vor das Haus geh\u00e4ngt?\u201c<\/em> Bei dem Gedanken musste er herzhaft lachen und die Anspannung fiel langsam von ihm ab. Er w\u00fcrde sich erst mal darum k\u00fcmmern, dass das Haus wieder einigerma\u00dfen von innen bewohnbar sein w\u00fcrde.<br>In den n\u00e4chsten drei Tagen arbeitete Kamea unerm\u00fcdlich daran das Haus und die Einfahrt so gut es ging zu s\u00e4ubern. Spinnweben und Staub sammelte er mit alten Handt\u00fcchern auf. Die B\u00fcsche stutzte er mit der alten Heckenschere, die er mit etwas \u00d6l aus dem Schuppen seines Gro\u00dfvaters wieder fit gemacht hatte. Und auch die Elektrik des Hauses brachte er wieder in Gang. Besorgungen machte er im drei Kilometer entfernten, dorfeigenen Laden und fing an sich heimisch zu f\u00fchlen.<br>Trotz der sommerlichen W\u00e4rme tags\u00fcber wurde es nachts sehr kalt und so entfachte Kamea mit dem Holz der B\u00fcsche und B\u00e4ume abends ein sch\u00f6nes Feuer im Kamin. Er lie\u00df sich in den alten Ledersessel plumpsen, dem er einfach eine Decke \u00fcbergelegt hatte, um die L\u00f6cher nicht mehr sehen zu m\u00fcssen. Mit m\u00fcdem Blick nach den drei Tagen harter Arbeit fiel ihm ein, dass das Haus seines Gro\u00dfvaters einen Dachboden hatte. Er hatte dort h\u00e4ufig stundenlang gelegen und V\u00f6gel mit dem Fernglas von dem kleinen, runden Bullauge aus beobachtet. Dort stand eine alte Truhe, von der sein Gro\u00dfvater immer gesprochen und die er nie hatte \u00f6ffnen d\u00fcrfen. Immer wieder hatte Kamea als kleiner Junge, aber auch als Jugendlicher vor dieser Truhe gestanden und davon getr\u00e4umt, diese eines Tages \u00f6ffnen zu d\u00fcrfen. <em>\u201eWarum war ihm das nicht bereits fr\u00fcher eingefallen? War es nun soweit?\u201c<\/em> Sein Gro\u00dfvater konnte ihm dies jetzt nicht mehr verbieten und vielleicht w\u00fcrde sich das R\u00e4tsel des Schl\u00fcssels nun kl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pexels-photo-278600.jpeg?w=1250&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-3192\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kamea z\u00fcndete eine Kerze an, da auf dem Dachboden kein Licht war. Schnellen Schrittes lief er die Stufen in den ersten Stock hinauf und setzte die Kerze auf den kleinen Nachtschrank seines Zimmers. Ein kleiner Schemel in der Ecke diente dazu den Verschluss der Luke zu erreichen. Er \u00f6ffnete diesen und klappte die Leiter, die zum Dachboden f\u00fchrte, auseinander. Zaghaft testete er deren Sprossen, diese schienen aber intakt genung um sein Gewicht zu tragen. Er nahm die Kerze wieder an sich und kletterte die Sprossen der Leiter empor. Der Geruch des Dachbodens war anders als im Haus. Es roch nach Holz, aber nicht etwa modrig, sondern fast schon nach frisch ges\u00e4gtem Holz. Der Schein der Kerze tauchte die alten Dielen in ein schummriges Licht. Kamea entdeckte die Stelle an dem Bullauge, an dem er immer gelegen hatte. Er h\u00e4tte schw\u00f6ren k\u00f6nnen den Abdruck seines damals sehr zierlichen K\u00f6rpers auf dem Holz im Kerzenschein zu sehen. Die D\u00e4mmerung hatte drau\u00dfen bereits begonnen und so konnte man durch das ohnehin mit Dreck verklebte Bullauge nichts mehr erkennen. Er schwenkte seinen Blick zu der alten Truhe gegen\u00fcber der Leiter. Sie war dunkelbraun und auch auf ihr befand sich eine Lage Staub. Kamea betrat vorsichtig die alten Dielen um so wenig Staub aufzuwirbeln wie m\u00f6glich. Er strich den Staub der Truhe etwas zur Seite und konnte im Deckel eine Inschrift erkennen, auch diese war wie am Medaillon nicht zu entziffern. Er f\u00fchlte nach der Rille, \u00fcber die vor vielen Jahren seine zarten Kinderfinger gestrichen hatten und mit der sich der Deckel der Truhe \u00f6ffnen lie\u00df. Er setzte nun seine Finger unter diesen Spalt. Sein Herz pochte vor Aufregung. Er versuchte den Deckel der Truhe zu \u00f6ffnen. Doch dieser r\u00fchrte sich keinen Millimeter. <em>\u201eKlemmt er?\u201c<\/em> Kamea inspizierte die Truhe mit Hilfe der Kerze nun genauer. Im Deckel befand sich eine kleine schl\u00fcssel\u00e4hnliche \u00d6ffnung. War der Schl\u00fcssel seines Gro\u00dfvaters etwa genau hierf\u00fcr gedacht? Hastig eilte er die Sprossen der Leiter und die Treppen zum Erdgeschoss hinunter. Das T\u00fcrschloss der Eingangst\u00fcr hatte er mit Hilfe eines Dietrichs aus der Werkstatt \u00f6ffnen k\u00f6nnen und seitdem hatte er die T\u00fcr auch nicht mehr verschlossen. Hier an die entlegene K\u00fcste verirrte sich nur sehr selten ein Fremder. Seither hatte der alte Bronzeschl\u00fcssel in der Holzschale auf der Kommode im kleinen Flur gelegen. Mit Schl\u00fcssel und zur Sicherheit auch dem Medaillon ausgestattet, flog Kamea die Stufen und Sprossen wieder nach oben. Im Dachboden angekommen war er ganz au\u00dfer Atem und musste sich erst beruhigen, bevor er den Schl\u00fcssel in das Schloss der alten Truhe einf\u00fchren konnte. Mit einem leisen Klick sprang das Schloss auf und der Deckel der altmodischen Kiste lie\u00df sich mit einem Kr\u00e4chzen der eingerosteten Scharniere \u00f6ffnen. Kamea schaute hinein und sein Blick fiel auf ein gro\u00dfes, altes, ledergebundenes Buch und ein Fass Tinte mit einer ungew\u00f6hnlich gro\u00dfen \u00d6ffnung. Fast schon entt\u00e4uscht dar\u00fcber keinen Schatz oder wenigstens dessen Karte entdeckt zu haben, hob er das Buch aus der Truhe und legte es auf seine Knie. Mit dem R\u00fccken an die Truhe gelehnt, \u00f6ffnete er das Lederband, welches die alten Seiten zusammenhielt und schlug die erste Seite auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In blauer Tinte und schn\u00f6rkeliger Handschrift stand dort geschrieben:<br><em>\u201e<strong>1. November 1887<\/strong> Ich traf heute die letzten Vorbereitungen f\u00fcr meine Suche nach Freiheit\u2026 nach dem Schatz dessen, dass mein Geist nach dem strebt, was ihm beliebt. Mein Proviant reichte f\u00fcr drei Wochen. \u201eKu okoa ana\u201c <\/em>(Kamea wusste, dies bedeutete Freiheit)<em> mein Schiff war bestens ger\u00fcstet\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pexels-photo-108105-min.jpeg?w=1250&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-3194\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein leises Rascheln weckte Kamea. Sein steifer Nacken und seine schmerzenden Schultern teilten ihm unverbl\u00fcmt mit, dass er viele Stunden auf dem harten Holzdielenboden des Dachbodens geschlafen haben musste. Die Sonne stand bereits hoch \u00fcber dem Horizont. Das Rascheln kam von einer Maus, die unerschrocken zu ihm aufblickte. Sie verkroch sich aber schnell, als er sich aufrichtete. Das Buch lag aufgeschlagen neben ihm und das Medaillon noch in seiner Handfl\u00e4che. Er stutzte kurz, denn die einfallenden Sonnenstrahlen, die durch eine kleine Ecke fehlenden Glases im Bullauge fielen, warfen ein fast symmetrisches Bild von bunten Punkten um das Medaillon herum. Das kaputte Glas war ihm gestern in der D\u00e4mmerung nicht aufgefallen. Das alte Buch war also das Tagebuch seines Gro\u00dfvaters, in dem er seine Suche und den Fund seines gr\u00f6\u00dften Schatzes beschreibt. Sein Gro\u00dfvater hatte teilweise recht wirr geschrieben und auch nie den Schatz an sich benannt. Kamea fragte sich, was dort wohl f\u00fcr Kostbarkeiten verborgen sein k\u00f6nnten.<br>Das Ende des Buches war nicht bef\u00fcllt. Die letzte beschriebene Seite war mit quer durcheinander geschriebenen Zahlen bemalt, die alle ringf\u00f6rmig um einen leeren Kreis geschrieben worden waren. Der Kreis war grauer und abgenutzter als der Rest der Buchseiten. Fast als w\u00e4re an dieser Stelle jemand mit einem schweren Gegenstand hin und her gerutscht.<br>Kamea nahm das Medaillon und rutschte mit den Knien in Richtung Truhe. Er holte vorsichtig das Tintenfass heraus und probierte, ob die \u00d6ffnung f\u00fcr das Medaillon gro\u00df genug sein w\u00fcrde. Und so war es auch. Das Medaillon lie\u00df sich wie ein riesiger Stempel in das Tintenfass gleiten und wieder daraus entnehmen. An der Innenseite des Glases war ein kleiner Schwamm befestigt, doch die Tinte war schon vor Jahren ausgetrocknet und so hatte dies keinen Effekt. Kamea nahm nun das Buch, das Fass, den Schl\u00fcssel und das Medaillon wieder mit nach unten. Die Kerze auch noch unter den Arm geklemmt, verlor er fast das Gleichgewicht auf den Sprossen der Leiter und verfluchte seine Unachtsamkeit. Er wollte auf keinen Fall etwas besch\u00e4digen. Seine Neugierde war geweckt. Es gab vielleicht doch einen Schatz. In der K\u00fcche angekomme, legte er das Buch in die Mitte des mittlerweile sauberen Esstisches. Das Medaillon legte er daneben und f\u00fcllte anschlie\u00dfend ein wenig Wasser in das Tintenfass. Nach ein paar ungeduldigen Minuten und schwenkenden Bewegungen des Fasses, war die Tinte wie zu neuem Leben erweckt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pexels-photo-211291-min.jpeg?w=1250&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-3196\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kamea nahm eine der letzten Buchseiten aus dem Ledereinband heraus und lie\u00df das Medaillon vorsichtig in die Tinte auf dem Schwamm gleiten. Anschlie\u00dfend dr\u00fcckte er es sorgf\u00e4ltig und mit ruhiger Hand auf die leere Buchseite. Als er es weg nahm, konnte man die vorher unleserliche Inschrift erkennen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u201eDie Gemeinsamkeit von Sonne und Regen ist ein Spiel und die Farben daraus unser Ziel.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kamea nahm nun das Medaillon und platzierte es auf die Seite mit den Zahlen. Es tat sich nichts, so sehr er das Medaillon auch drehte und wendete, es entstanden keine Farben. Etwas entt\u00e4uscht lehnte er sich im Stuhl zur\u00fcck. Dabei gab er den bereits tiefergehenden Sonnenstrahlen im R\u00fccken freie Bahn auf den Esstisch und damit auch auf das Medaillon. Pl\u00f6tzlich erstrahlte die Buchseite in pr\u00e4chtigen, farbigen Punkten. Kamea riss Buch und Medaillon an sich und st\u00fcrmte nach drau\u00dfen. Ungef\u00e4hr zehn Minuten w\u00fcrden ihm noch bleiben, bis auch der letzte Sonnenstrahl hinter dem Vorsprung verschwinden w\u00fcrde. Er war sich sicher, dass die Farben des Regenbogens und deren Reihenfolge eine Kombination mit den aufgeschriebenen Zahlen ergeben w\u00fcrden. Sein geschulter Seglerblick hatte auch direkt erfasst, dass es sich hierbei um Koordinaten handeln musste. Allerdings wusste er nicht, zu welcher Tageszeit und in welchem Winkel die Sonne auf das Medaillon scheinen musste. Wieder drehte er einige Male das Medaillon, kam aber zu dem Entschluss, dass er f\u00fcr heute kein Ergebnis mehr erzielen w\u00fcrde. Am morgigen Tag w\u00fcrde er fr\u00fch aufstehen und die Koordinaten entschl\u00fcsseln. Vertr\u00e4umt setzte er sich noch einige Minuten vor den Kamin und blickte dabei auf das Gem\u00e4lde seines Gro\u00dfvaters auf dem Sims. Um es von Staub und Spinnweben zu befreien, hatte er es vorsichtig vom Kaminsims heruntergehoben. Das Bild zeigte seinen Gro\u00dfvater neben seiner Yacht <em>\u201eKu okoa ana\u201c.<\/em> Er hatte einen Fu\u00df auf der Reling abgestellt und lehnte mit seinem Ellenbogen auf dem Knie. Sein Blick schien unbedeutend nach unten gerichtet, so als w\u00e4re er stolz auf die Arbeit, das Schiff selbst erbaut zu haben. Allerdings schaute er, man erkannte es bei genauerem Hinsehen, auf etwas, was im Bereich des Vorschiffes lag \u2013 das Medaillon. Die tiefen Kerben des Medaillons dienten als Hinweis auf die Uhrzeit, da sie entsprechende Schatten warfen. Das ruhige Wasser des Meeres war ein Indikator daf\u00fcr, dass das Medaillon einfach auf einer geraden Fl\u00e4che zur richtigen Tageszeit liegen musste. Kamea hatte das R\u00e4tsel gel\u00f6st. Aufgeregt, am n\u00e4chsten Tag seine Erkenntnisse testen zu k\u00f6nnen, ging er ins Bett.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Anlehnung an das Gem\u00e4lde legte Kamea das Medaillon um Punkt zw\u00f6lf Uhr mittags drau\u00dfen auf einen Holzscheit. Mit dem Buch darunter drehte er das Medaillon so lange, bis die farbigen Punkte in der Reihenfolge des Regenbogens den L\u00e4ngen und Breitengrad einer kleinen abgeschiedenen Insel ergaben. <em>\u201eWas ich dort wohl finden werde?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pexels-photo-1.jpg?w=1250&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-3197\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drei Wochen waren nun vergangen und Kamea hatte in seiner unerm\u00fcdlichen Begierde herauszufinden, was sich hinter den genauen Koordinaten des Buches verbarg, das alte Schiff seines Gro\u00dfvaters komplett restauriert. Alles was er an Werkzeug daf\u00fcr ben\u00f6tigte, fand er im Schuppen. Material hatte er sich von den Dorfbewohnern gekauft. Besonders die kleine Fischerei am Hafen war hilfreich gewesen. Wie im Tagebuch beschrieben hatte auch Kamea das Schiff bestens ger\u00fcstet und f\u00fcr drei Wochen Proviant verstaut. Wenn auch die Reise zu den Koordinaten nach seinen navigatorischen Berechnungen gerade mal sieben Tage dauern w\u00fcrde, wusste er ja nicht was ihn dort erwartete.<br>Am n\u00e4chsten Morgen setzte Kamea die Segel und lie\u00df eine laue Brise durch sein mittlerweile l\u00e4ngeres Haar wehen. Er hatte als Jugendlicher immer etwas l\u00e4ngere Haare gehabt. Nur seine spie\u00dfige Tante wollte immer eine kurze, peppige Jungenfrisur. Wie er das gehasst hatte. Das Gef\u00fchl des Windes in seinem Haar befreite ihn und mit einem schelmischen Grinsen segelte er hinaus aufs offene Meer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2026 Der Sturm hatte erstaunlicherweise wenig Schaden angerichtet. Die ausgerissene Oberwante war schnell wieder eingeschraubt. Der Gro\u00dfbaum war am Scharnier selbst gebrochen und Kamea konnte dies mit dem Werkzeug und den Ersatzteilen der kleinen Fischerei schnell wieder reparieren. Aber zuerst k\u00fcmmerte er sich um sich selbst. Mit Wasser und Dosenobst kam er wieder etwas zu Kr\u00e4ften. Das Salzwasser brannte h\u00f6llisch beim Auswaschen der Wunde. Also sp\u00fclte er sie mit etwas Trinkwasser nach. Er war kein Arzt, war sich aber sicher, dass der Schnitt \u00fcber der Augenbraue nicht gen\u00e4ht werden musste. Dann machte er sich an die Reparatur seines Schiffes. Bis zur Abendd\u00e4mmerung dauerten die Arbeiten, konnten aber zu seiner Zufriedenheit fertiggestellt werden. Das Meer hatte sich bis auf eine immer noch recht hohe Welle beruhigt. Kamea fragte sich seit eh und je wie die Natur in weniger als ein paar Stunden von so zornig auf so sanft wechseln konnte. Seine restliche Wegstrecke verflog schnell mit achterlichem Wind und Wellen, auf denen er unter Segel mitreiten konnte. Als in der Ferne am Horizont die kleine Insel zu den von ihm errechneten Koordinaten auftauchte, war sich Kamea seiner Gef\u00fchle unschl\u00fcssig. Er war aufgeregt und sein Herz pochte bis zum Hals in freudiger Erwartung. Andererseits hatte er Angst, denn das Ende des Tagebuches seines Gro\u00dfvaters schien sehr abrupt \u2013 und verblieb ohne den Fund eines Schatzes. Er war seit nunmehr neun Tagen unterwegs, da der Sturm ihn etwas von seinem Kurs abgebracht hatte. Doch nun war es an der Zeit herauszufinden, was sein Gro\u00dfvater f\u00fcr so kostbar gehalten hatte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/pexels-photo-117470-min.jpeg?w=1250&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-3198\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kamea setzte zaghaft einen Fu\u00df in das kalte Wasser und den feinen Sandstrand, der von den Wellen des Meeres umsp\u00fclt wurden. An seichter Stelle hatte er den Anker ausgeworfen und kletterte nun beh\u00e4nde mit seinem Rucksack auf dem R\u00fccken aus dem Schiff. Buch und Medaillon waren sicher verstaut und er hatte die Karte mit den genauen Koordinaten in der Hand. Sein Blick glitt \u00fcber die kleine, abgelegene Insel, wei\u00dfer feiner Sandstrand, gro\u00dfe gr\u00fcne Farne und Palmen, die den Blick auf das Innere der Insel verdeckten. Die riesigen B\u00e4ume mit ihrem ausladenden Bl\u00e4tterwerk standen schnurgerade und aufgef\u00e4delt wie auf einer Perlenkette aufgereiht am Strand. Socken und Schuhe zog er nun wieder an und der Karte folgend bahnte er sich einen Weg durch die Palmen und Farne der Insel. Der Boden war steinig und mit vielen Wurzeln durchzogen. Das Sonnenlicht lugte zwischen den Kronen der Palmen immer wieder hindurch und schien ihm den Weg zu weisen. Kamea blieb h\u00e4ufig stehen um zu lauschen. <em>\u201eWar da etwa ein fremdes Ger\u00e4usch? Lauerte irgendwo Gefahr?\u201c <\/em>Es schien alles friedlich, somit setzte er seinen Weg in das Innere der Insel fort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kamea kam an eine Lichtung. Mittendrin befand sich ein alter verwurzelter Baum. <em>\u201eUntypisch f\u00fcr diese Breitengrade\u201c,<\/em> dachte er sich. Bewachsen von Farnen und Efeu war das eigene Bl\u00e4tterwerk des Baumes gar nicht mehr zu erkennen. Die wenigen Sonnenstrahlen, die sich durch die dichte Bepflanzung schl\u00e4ngelten, schienen vom umliegenden Moos absorbiert zu werden. So wirkte der Baum fast unheimlich. Seine tief h\u00e4ngenden, knorrigen \u00c4ste ber\u00fchrten fast den Boden. Er umrundete den riesigen Stamm des Baumes und musste mit Erstaunen feststellen, dass an der s\u00fcdlichen Seite eine kleine Nische zu sehen war. Mit Taschenlampe voran leuchtete er in die Nische hinein. Kamea konnte sich durch den schmalen Spalt in das Innere des Baumes zw\u00e4ngen und stand unmittelbar vor steinernen Stufen. Er holte tief Luft. Vor lauter Aufregung hatte er unbewusst den Atem angehalten. Einen Fu\u00df vor den anderen ging es hinab. Die steinernen Stufen f\u00fchlten sich rau und griffig an. Die W\u00e4nde waren feucht und moosig. Die Luft wurde etwas k\u00fchler, aber irgendwie frischer, als ob es irgendwo eine Frischluftzufuhr g\u00e4be. Nach j\u00e4h endenden Stufen stand Kamea in einem dunklen Tunnel, an dessen Ende ein gr\u00fcner Schimmer zu sehen war. Der dunkle Tunnel erinnerte ihn an den modrigen Keller seines Gro\u00dfvaters. Er hatte in der jetzigen Zeit im Haus den Keller nur einmal betreten, nur um zu sehen, ob noch irgendetwas Brauchbares dort zu finden war. Nun stand er in dem feuchten, dunklen Tunnel, er leuchtete wild mit der Taschenlampe in alle Winkel und befahl sich zu beruhigen. Wegen des wilden Hin- und Herfuchtelns konnte er nicht anst\u00e4ndig sehen. Der Tunnel erstreckte sich \u00fcber etliche Meter tiefer in das Erdinnere. Die W\u00e4nde waren ein wenig abgerundet und komplett mit Moos \u00fcberzogen. <em>\u201eOb der gr\u00fcne Schimmer am Ende daher r\u00fchrte?\u201c<\/em> Auf jedes Ger\u00e4usch oder Bewegung achtend durchquerte er den Tunnel. Das gr\u00fcne Licht am Ende des Tunnels wurde heller und gr\u00f6\u00dfer. Es wurde w\u00e4rmer und ein leises Pl\u00e4tschern drang an Kameas Ohren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone wp-image-3199 size-full\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1250\" height=\"833\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/shell-1972980_1920.jpg?resize=1250%2C833&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-3199\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/shell-1972980_1920.jpg?w=1920&amp;ssl=1 1920w, https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/shell-1972980_1920.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/shell-1972980_1920.jpg?resize=1024%2C683&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/shell-1972980_1920.jpg?resize=768%2C512&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/shell-1972980_1920.jpg?resize=1536%2C1024&amp;ssl=1 1536w, https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/shell-1972980_1920.jpg?resize=1250%2C834&amp;ssl=1 1250w, https:\/\/i0.wp.com\/www.novumverlag.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/shell-1972980_1920.jpg?resize=900%2C600&amp;ssl=1 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 1250px) 100vw, 1250px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong>\u00a9 Geschrieben von Susanne Olbrich<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende des Tunnels angekommen stand Kamea nun in einer riesigen H\u00f6hle. Das gr\u00fcne Licht schimmerte von dem gro\u00dfen S\u00fc\u00dfwasserpool in der Mitte der Felsgrotte. Die zahlreichen Kristalle an der Decke, den W\u00e4nden und am Boden spiegelten das gr\u00fcne geheimnisvolle Licht durch den schroffen Raum. Es war als w\u00fcrde die Sonne hier unten einen Schatz an die Wand der H\u00f6hle werfen. Das kristallklare Wasser spiegelte sich und funkelte. Er schaute hinab. Seine F\u00fc\u00dfe ber\u00fchrten fast den Rand des flachen Pools. Er konnte den Boden unterhalb der Wasseroberfl\u00e4che sehen. Auf diesem lagen ganz viele kleine, teilweise halb ge\u00f6ffnete Muscheln. Z\u00f6gernd streckte er die Finger in das k\u00fchle Nass. Wie eine k\u00fchle Decke umsp\u00fclte das Wasser seine Hand. Er hob eine der gr\u00f6\u00dferen Muscheln aus dem Wasser. Sie schimmerte in den Farben des Regenbogens. Mit seiner Ber\u00fchrung und dem Fehlen des Wassers \u00f6ffnete sich die Muschel in seiner Handfl\u00e4che und zeigte eine wundersch\u00f6ne, gl\u00e4nzende Perle in ihrem Inneren. Er f\u00fchlte eine Welle des Erstaunens. Pl\u00f6tzlich erf\u00fcllten ihn eine Ruhe und eine Sinnhaftigkeit, wie er sie nie zuvor gesp\u00fcrt hatte. Er verstand nun was sein Gro\u00dfvater mit dem Wort <em>\u201eSchatz\u201c<\/em> gemeint hatte. Es waren nicht nur die unz\u00e4hligen Muscheln mit ihren Perlen in ihrem Inneren. Sondern der Weg hierher, die Lebenslust, die sich in diesem Abenteuer und dieser atemberaubenden Natursch\u00f6nheit versteckten, waren der gr\u00f6\u00dfte Schatz, den man sich nur vorstellen konnte. Ein Schatz der Natur, der bewahrt werden musste, um noch vielen Generationen das gleiche Erlebnis zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlusswort<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kamea hatte noch ein wenig verweilt. Die Sch\u00f6nheit, die Ruhe und die bet\u00f6rende Kraft, die von dieser H\u00f6hle ausging, genossen und aufgesogen wie ein Schwamm. Erst, als er vollends zu sich gefunden hatte, machte er sich auf den Heimweg. Die Muschel mit ihrer Perle ruhte wie ein kleiner Schatz, ein Andenken, in seiner Hand. Er wusste nun, wo er zuhause war. Er hatte verstanden, was Freiheit bedeutet, verstanden, dass sein Geist nach dem strebte, was ihm beliebt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Abenteuergeschichte&nbsp;<em>\u201eDer Sonnenf\u00e4nger\u201c<\/em>&nbsp;entstand im Rahmen der novum Verlag Initiative f\u00fcr die F\u00f6rderung und Inspiration von Schriftstellern \u00fcber den novum Corporate Blog und die sommerliche<strong>&nbsp;#Wortwechsel Kampagne<\/strong>. Wir bedanken uns bei Gastautorin Susanne Olbrich f\u00fcr ihren inspirierenden Beitrag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lassen Sie Ihrer Tastatur freien Lauf!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die wahre Bedeutung eines kostbaren Schatzes hat Wortwechsel Autorin Susanne Olbrich gemeinsam mit ihrem Hauptprotagonisten Kamea aus den Tiefen des Meeres gehoben.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3184,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_coblocks_attr":"","_coblocks_dimensions":"","_coblocks_responsive_height":"","_coblocks_accordion_ie_support":"","footnotes":"","jetpack_publicize_message":"{title}\n\n{excerpt}\n\n{url}","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"_wpas_customize_per_network":false,"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[2710,928924],"tags":[928924],"class_list":["post-3182","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-wortwechsel","tag-wortwechsel"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - 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