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Was macht ein Buch heute überhaupt noch begehrenswert?

Verleger Wolfgang Bader über gute Geschichten, besondere Bücher und die Frage, warum wir auch im digitalen Zeitalter noch gerne lesen.#novum

Interview mit Wolfgang Bader


Herr Bader, was muss ein Buch mitbringen, damit Sie als Verleger daran glauben?

Wenn mir ein neues Manuskript vorgelegt wird, stelle ich mir oft eine ganz einfache Frage: Warum sollte jemand dieses Buch eigentlich kaufen?

Für einen Verlag ist das eine entscheidende Frage. Für mich ist sie zugleich auch sehr persönlich, denn ich sehe Bücher nicht nur als Produkte. Ich lese selbst leidenschaftlich gern und kenne das Gefühl, ein neues Buch aufzuschlagen und noch nicht zu wissen, wohin mich die Geschichte führt. Deshalb interessiert mich bei einem Buch nicht nur, ob es sich verkaufen lässt, sondern vor allem, warum es einen Menschen berühren, interessieren oder neugierig machen könnte.

Bücher konkurrieren heute mit unzähligen anderen Medien um unsere Aufmerksamkeit. Was macht sie trotzdem noch so attraktiv?

Das ist völlig richtig, Bücher stehen heute in einem Wettbewerb, den es in dieser Form früher nicht gab. Informationen sind jederzeit verfügbar. Wir können googeln, Podcasts hören, Videos ansehen, Serien schauen oder uns durch soziale Medien bewegen. Vieles davon ist kostenlos und innerhalb weniger Sekunden erreichbar. Warum greifen wir trotzdem zu einem Buch?

Bei Sach- und Fachbüchern scheint die Antwort zunächst einfach: Ein gutes Buch kann Wissen vermitteln, Orientierung geben oder ein Thema aus einer besonderen Perspektive betrachten. Seine Stärke liegt oft darin, Informationen nicht einfach nur zusammenzutragen, sondern sie einzuordnen und verständlich zu machen. Gerade in einer Zeit des Informationsüberflusses kann diese Auswahl wertvoll sein.

Aber natürlich erklärt das noch nicht, warum wir uns für einen Roman entscheiden, denn von diesem erwarten wir ja üblicherweise keine wertvollen Informationen …

Genauso ist es, und ebenso muss ein Krimi keine Wissenslücke schließen, ein Fantasy-Epos kein praktisches Problem lösen. Wir lesen solche Bücher nicht, weil wir anschließend mehr wissen müssen. Wir lesen sie, weil wir etwas erleben möchten. Wir wollen Spannung spüren, mit Figuren mitfiebern, uns überraschen lassen oder für ein paar Stunden in einer anderen Welt verschwinden.

Das ist für mich eine der großen Stärken des Buches: Es muss nicht immer etwas vermitteln. Es darf auch etwas auslösen.

Und darin sehe ich einen wesentlichen Grund, warum Bücher auch in einer digitalen Welt so beliebt bleiben. Sie geben uns nicht einfach irgendeinen Inhalt. Ein gutes Buch nimmt uns mit auf eine Reise – mit einer bestimmten Geschichte, einer besonderen Sprache, einer spannenden Perspektive oder einer Stimme, die uns anspricht.

Muss ein Buch möglichst viele Menschen erreichen, um erfolgreich zu sein?

Begehrenswert ist nicht dasselbe wie massentauglich. Ein Buch muss nicht für jeden interessant sein. Es braucht einen Grund, warum jemand gerade dieses Buch lesen möchte. Das ist auch der Grund, warum ich den Erfolg eines Buches nicht ausschließlich an möglichst hohen Verkaufszahlen festmachen würde.

Natürlich freut sich jeder Verlag über ein Buch, das eine große Leserschaft erreicht. Aber es gibt auch Bücher, die eine kleinere Zielgruppe sehr genau ansprechen und gerade deshalb erfolgreich sein können. Ein Spezialthema, eine besondere Lebensgeschichte oder ein ungewöhnlicher literarischer Stoff muss nicht für Millionen von Menschen interessant sein, um für die richtigen Leser einen echten Wert zu haben.

Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall: Je genauer ein Buch weiß, was es sein möchte und wen es ansprechen will, desto leichter kann ein Leser erkennen, warum er es haben möchte.

Entscheidend ist also, ob das Buch die Menschen erreicht, für die es gedacht ist.

Im Verlagsalltag frage ich mich deshalb nicht nur, was in einem Manuskript steht. Ich frage mich auch, welches Versprechen dieses Buch seinem Leser gibt. Was erwartet mich, wenn ich es aufschlage? Welche Geschichte, welchen Gedanken oder welche Perspektive finde ich darin?

Also ist ein Buch für Sie mehr als nur sein Inhalt?

Absolut, und das merke ich sehr deutlich auch bei mir selbst. Manche Bücher stehen jahrelang in meinem Regal. Ich habe sie längst gelesen und nehme sie trotzdem irgendwann wieder in die Hand. Vielleicht, weil ich eine bestimmte Passage noch einmal lesen möchte. Vielleicht, weil ich mich an die Zeit erinnere, in der ich das Buch gelesen habe. Oder einfach, weil es mir etwas bedeutet.

Genau das fasziniert mich am gedruckten Buch. Es ist nicht einfach nur Text auf einem Bildschirm, sondern ein Gegenstand, den man besitzen, verschenken und immer wieder zur Hand nehmen kann. Ein Buch kann Teil des eigenen Zuhauses werden und mit der Zeit sogar eine persönliche Geschichte bekommen.

Welche Bedeutung hat das in der heutigen Zeit?

Vielleicht ist das in einer digitalen Welt wichtiger, als man zunächst denkt. Denn digital können wir nahezu alles sofort abrufen. Gerade deshalb bekommt das Besitzen, Aufbewahren und bewusste Auswählen eines Buches eine andere Bedeutung.

Und es schenkt uns noch etwas: Entschleunigung in einer hektischen Zeit. Ein Buch gibt uns nicht alles in wenigen Sekunden. Wir müssen ihm Zeit geben, lesen, uns konzentrieren und uns auf einen Gedanken oder eine Geschichte einlassen. Es zwingt uns nicht, ständig weiterzuklicken. Es bietet die Möglichkeit, für eine Weile bei einer Sache zu bleiben.

Was macht ein Buch in Ihren Augen wirklich wertvoll?

Der Wert eines Buches liegt für mich darin, wie es all das zusammenbringt: Auswahl, Einordnung, Sprache, Perspektive, Emotion und die Möglichkeit, sich bewusst Zeit dafür zu nehmen.

Wenn wir im Verlag über ein Manuskript sprechen, geht es natürlich auch um Markt, Zielgruppe und Verkaufsmöglichkeiten. Aber für mich darf die wirtschaftliche Frage nie die einzige sein. Am Ende muss da ein Buch sein, das Menschen wirklich lesen möchten.

Ein Werk ist dann interessant, wenn jemand den Titel liest, das Cover betrachtet, den Klappentext aufschlägt und denkt: Genau das möchte ich lesen. Für mich beginnt genau dort die Begehrlichkeit eines Buches.


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– Das Team des novum Verlags

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