
Andrea Keller, Ihre Geschichte beginnt düster – in einem Krematorium. Was hat Sie dazu bewogen, so zu starten?
Während der Covid-Pandemie wurden viele Verstorbene sehr schnell kremiert, um Ansteckungen zu verhindern. Aus der Transplantationsmedizin wusste ich, dass Organe nur unter Vollnarkose entnommen werden – damit kein Schmerz empfunden wird.
Ich fragte mich, ob bei einer schnellen Kremation nach Feststellung des Hirntodes die Nervenbahnen noch nicht vollständig zerfallen sein könnten. In diesem Fall wäre Schmerzempfinden vielleicht noch möglich. Deshalb sollte man dem Erlöschen des Lebens ausreichend Zeit geben – und nicht vorschnell kremieren.
Sie sprechen von Gedankenübertragung. Halten Sie das für realistisch?
Üblicherweise wird durch passives Messen elektrischer Hirnströme der Tod festgestellt. Neue Forschung untersucht nun aktive Hirnströme – die sogenannte Elektrokortikografie. Damit scheint Kommunikation möglich, eventuell sogar Bewegung, ohne direkte nervliche Verbindung.
In Kombination mit der Praxis der Vollnarkose bei Organentnahmen führte mich das zur Hypothese: Der elektrische Zündungsvorgang im Kremationsofen könnte einen letzten Gedanken aktivieren – bei Verstorbenen, deren Gehirn noch nicht völlig zerfallen ist. Eine Wiederbelebung des Hirns halte ich jedoch für ausgeschlossen.
Trotz der Thematik wirkt Ihre Geschichte eher positiv. Was möchten Sie den Leserinnen und Lesern mitgeben?
Ich wollte zeigen, wie wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen auf den Alltag wirken. Dabei beschreibe ich nicht junge, sondern ältere Menschen – ihre Unsicherheiten, Sprachlosigkeit, auch persönliches Versagen. Aber ebenso ihre Fähigkeit, eine neue Wahrheit zu akzeptieren – ohne Abwehr.
Die Geschichte ist bewusst nicht literarisch erzählt, sondern in Alltagssprache – so, wie sie auch von einem Bekannten berichtet werden könnte.

Letzter Schmerz, letzte Gedanken
Hardcover | 176 Seiten
ISBN 978-3-99130-882-9
EUR(A) 21,90
EUR(D) 21,30
CHF 31.50
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